Viele unter uns sind in einem Anstellungsverhältnis. Das Gesetz (in der Schweiz das Obligationenrecht) regelt wichtige Punkte in der Beziehung zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Was geschieht zum Beispiel mit den Pflichten und Rechten eines Arbeitnehmers, wenn er stirbt? Im Artikel 338 Absatz 1 des Schweizer Obligationenrechts steht: „Mit dem Tod des Arbeitnehmers erlischt das Arbeitsverhältnis.“ Es ist offensichtlich, dass ein Angestellter, wenn er verstorben ist, keine Arbeitsleistung mehr erbringen kann. Das Gesetz löst in diesem Fall den Arbeitsvertrag automatisch auf.

Unsere Gesellschaft ist vom Arbeitsrecht stark geprägt. Somit liegt es vielen, sogar den meisten Menschen nahe, ihre Beziehung zu Gott nach diesen Prinzipien gestalten zu wollen. „Ich führe ein anständiges Leben; also habe ich Anrecht auf das ewige Leben.“ Die Bibel bestätigt, dass eine Beziehung nach diesem Grundsatz denkbar ist. Sie macht aber klar, dass wir Menschen unfähig sind, die Massstäbe Gottes zu erfüllen: „…denn alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes…“ (Röm. 3,23). Alle Menschen sündigen. Somit kann kein Mensch ein Anrecht auf das ewige Leben als verdienten Lohn geltend machen.

Gott hat eine Lösung: Den Lohn (das ewige Leben) will er uns schenken – gratis. „Wunderbar! Wo muss ich unterschreiben?“ So einfach ist es nicht… Gott hat einen gewaltigen Plan entworfen und durchgeführt, um uns den himmlischen Lohn auf gerechte Weise schenken zu können. Zwei Kernaspekte dieses Plans sind:

  • Jesus Christus hat am Kreuz die Sünden der ganzen Welt auf sich genommen. Jeder Mensch soll seine Sünden einsehen und das Opfer Jesu in der Taufe für sich beanspruchen (Apg. 2,38).
  • Jeder Mensch soll in der Taufe „sterben“ und so aus den Leistungsanforderungen eines vollkommen gerechten Lebens befreit werden.

Dass jemand unsere Sünden auf sich nimmt, vor allem zum Preis eines grausamen Todes, fällt uns nicht leicht zu akzeptieren. Wir Menschen sind meistens von der Qualität unserer eigenen Leistung überzeugt und sehen nur sehr ungern ein, dass sie vor Gott hoffnungslos ungenügend ist. Aber noch viel schwieriger fällt uns, das eigene „Sterben“ anzustreben. Wir denken, dass wir unser Leben verlieren – so ist es auch.

Der Apostel Paulus erklärt im Römerbrief dieses „Sterben“ als Kernaspekt des Plans Gottes: „Oder wisst ihr nicht, dass wir, so viele auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden sind? So sind wir nun mit ihm begraben worden durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus aus den Toten auferweckt worden ist durch die Herrlichkeit des Vaters, so auch wir in Neuheit des Lebens wandeln. Denn wenn wir verwachsen sind mit der Gleichheit seines Todes, so werden wir es auch mit der Auferstehung sein, da wir dies erkennen, dass unser alter Mensch mitgekreuzigt worden ist, damit der Leib der Sünde abgetan sei, dass wir der Sünde nicht mehr dienen. Denn wer gestorben ist, ist freigesprochen von der Sünde. Wenn wir aber mit Christus gestorben sind, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden, da wir wissen, dass Christus, aus den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod herrscht nicht mehr über ihn. Denn was er gestorben ist, ist er ein für allemal der Sünde gestorben; was er aber lebt, lebt er Gott.“ (Röm. 6,3-10) In diesem Abschnitt beschreibt Paulus einen gewaltigen geistlichen Vorgang: Der gläubige, bussfertige Mensch nimmt in der Taufe Anteil am Tod und an der Auferstehung Jesu.

Kommen wir auf das Bild eines Anstellungsverhältnisses zurück. In wieweit ändert sich die Beziehung zu Gott nach der Taufe?

  • Als „Gestorbener“ bin ich nicht mehr unter einem „Anstellungsverhältnis“, d.h. ich werde nicht mehr an meiner Leistung gemessen. Ich bin nicht mehr unter dem Fluch, dass ich Tag für Tag unfähig bin, die erforderte Leistung zu erbringen.
  • Von meinen Fehlern unter meinem früheren „Anstellungsverhältnis“ bin ich befreit. Jesus hat die gerechte Strafe dafür am Kreuz auf sich genommen.
  • Meine „Arbeitskraft“ stelle ich Gott neu aus Dankbarkeit zur Verfügung, weil er mich aus der Verlorenheit gerettet hat. Ich bin gleichzeitig zu einem Kind Gottes und einem Diener, ja sogar einem Sklaven geworden, weil Gott mich erkauft hat. Mache ich weiter Fehler? Ja. Aber ich kann auf Vergebung durch das Opfer Jesu zählen, wenn ich einsichtig bin und die Bereitschaft habe, aufrichtig gegen die Sünde zu kämpfen.
  • Ich habe Anteil am Lohn Jesu, d.h. am ewigen Leben. Diesen Lohn hat Jesus als einziger Mensch durch seine eigene vollkommene Leistung verdient. Gott schenkt mir diesen Lohn aus Gnade.

Unser neues (im wahrsten Sinn des Wortes) Leben ist ein wunderbares Geschenk. In dieser neuen Situation lauern aber zwei grosse Gefahren auf uns: Die eine Gefahr ist, dass wir unsere Befreiung aus der Leistungssackgasse als Freipass zur Sünde missbrauchen. Die andere, viel tückischere Gefahr ist, dass wir in das für uns unerfüllbare „Anstellungsverhältnis“ zurückkehren wollen. Wenn wir diesen Gefahren verfallen, verlieren wir den geschenkten Lohn. Wir fallen aus der Gnade ab. Was für eine Torheit wäre es!

Olivier Cuendet