Gemeinsames Leben

Psalm 133,1: Sieh, wie gut und schön es ist wenn Brüder beieinander wohnen.

Wir haben bei uns einen Hauskreis mit einigen Geschwistern aus unserer Gemeinde und treffen uns auch in einem Freundeskreis, mit dem wir einmal im Monat über religiöse Themen sprechen. Mit Letzteren haben wir  gemeinsam das Leben von D. Bonhoeffer gelesen.

Bonhoeffer war ein Verteidiger des christlichen Glaubens in den dunklen Tagen des Naziregimes. Er wurde im April 1945 auf Befehl Himmlers hingerichtet. Sein Glaube und seine christliche Überzeugung  kommt in seinem Lied:  „Von guten Kräften wunderbar geborgen erwarten wir getrost was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz bestimmt an jedem neuen Tag“ auf schöne Weise zum Ausdruck.

Einige von Bonhoeffers Gedanken über die Gemeinschaft der Christen sind auch für uns in der Gemeinde Christi wertvoll und nachdenkenswert. Ich  möchte einige hier mit euch teilen.

Bonhoeffer schreibt:

Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. Jesus Christus lebte mitten unter seinen Feinden. Zuletzt verliessen ihn alle Jünger. Am Kreuz war er ganz allein, umgeben von Übeltätern und Spöttern. Dazu war er gekommen, dass er den Feinden Gottes den Frieden brächte. So gehört auch der Christ nicht in die Abgeschiedenheit eines klösterlichen Lebens, sondern mitten unter die Feinde. Dort hat er seinen Auftrag, seine Arbeit. „Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde.“ Ps. 110.2

Und gerade dort ist die leibliche Gegenwart anderer Christen dem Gläubigen eine Quelle unvergleichlicher Freude und Stärkung. In grossem Verlangen ruft der gefangene Apostel Paulus „seinen lieben Sohn im Glauben“ Timotheus in den letzten Tagen seines Lebens zu sich ins Gefängnis, er will ihn wieder sehen und bei sich haben. Die Tränen des Timotheus, die beim letzten Abschied geflossen waren, hat Paulus nicht vergessen (2. Tim. 1,4). In Gedanken an die Gemeinde in Thessalonich betet Paulus „Tag und Nacht gar sehr darum, dass ich sehen möge euer Angesicht“ (1. Thess. 3,10), und der alte Johannes weiß, dass seine Freude an den Seinen erst vollkommen sein wird, wenn er zu ihnen kommen kann und mündlich mit ihnen reden statt mit Briefen und Tinte (2. Joh. 12).

Es bedeutet keine Beschämung für den Gläubigen, als sei er noch gar zu sehr im Fleische, wenn es ihn nach dem leiblichen Antlitz anderer Christen verlangt. Als Leib ist der Mensch erschaffen, im Leibe erschien der Sohn Gottes um unseretwillen auf Erden, im Leibe wurde er auferweckt, im Leibe empfängt der Gläubige den Herrn Christus in der Taufe, und die Auferstehung der Toten wird die vollendete Gemeinschaft der geist-leiblichen Geschöpfe Gottes herbeiführen.

Über der leiblichen Gegenwart des Bruders preist darum der Gläubige den Schöpfer, den Versöhner und den Erlöser, Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist. Der Gefangene, der Kranke, der Christ in der Zerstreuung erkennt in der Nähe des christlichen Bruders ein leibliches Gnadenzeichen der Gegenwart des dreieinigen Gottes. Besucher und Besuchter erkennen in der Einsamkeit aneinander den Christus, der im Leibe gegenwärtig ist, sie empfangen und begegnen einander, wie man dem Herrn begegnet, in Ehrfurcht, in Demut und Freude. Sie nehmen voneinander den Segen als den Segen des Herrn Jesus Christus.

Liegt aber schon so viel Seligkeit in einer einzigen Begegnung des Bruders mit dem Bruder, welch unerschöpflicher Reichtum muss sich dann für die auftun, die nach Gottes Willen in Gemeinschaft des Lebens mit andern Christen zu leben gewürdigt sind!

Freilich, was für den Einsamen unaussprechliche Gnade Gottes ist, wird von dem täglich Beschenkten leicht missachtet und zertreten. Es wird leicht vergessen, dass die Gemeinschaft der Christen ein Gnadengeschenk aus dem Reiche Gottes ist, das uns täglich genommen werden kann, dass es nur eine kurze Zeit sein mag, die uns noch von der tiefsten Einsamkeit trennt. Darum, wer bis zur Stunde ein gemeinsames christliches Leben mit andern Christen führen darf, der preise Gottes Gnade aus tiefstem Herzen, der danke Gott auf Knien und erkenne: es ist Gnade, nichts als Gnade, dass wir heute noch in der christlichen Gemeinschaft leben dürfen.

Wir sollen die Gedanken dieses christlichen Mannes in unseren Herzen bewegen. Sie führen uns so deutlich vor Augen, welch ein grosses Geschenk es ist, Glied einer Gemeinde von Christen zu sein. Wir können Gott nicht genug danken, dass er uns im Feindesland eine Insel geschaffen hat auf der wir mit unseren Geschwistern  zusammen sein können, auf der wir uns stärken und heiligen können. Eure Insel ist hier in Zürich am  Sihlquai 253.

Theo S.

2018-11-09T22:33:03+00:00