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Malleray
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1989 habe ich drei Wochen in einem Dorf des Neuenburger Jura namens Malleray verbracht. Diesen Aufenthalt hatte ich nicht freiwillig auf mich genommen; es war ein WK (d.h. ein Wiederholungs-Kurs in der Schweizer Militärsprache).
 
Vor kurzer Zeit bin ich auf den Gedanken gekommen, diesen Ort nach 16 Jahren wieder zu besuchen. Würde ich einzelne Gebäude erkennen? Würden Ereignisse aus der damaligen Zeit in meinem Gedächtnis wieder erwachen? Würden alte Ängste oder längst vergessene Militär-Reflexe wieder aufleben? Ich kann nicht verbergen, dass ich mich mit einer gewissen Spannung auf diesen Besuch vorbereitete.
 
In Biel bin ich in einen Smart eingestiegen und Richtung Malleray abgefahren. Eine halbe Stunde später kam mir das Dorfschild "Malleray" entgegen.
 
Langsam bin ich durch das Dorf gefahren. Es war Mittagszeit. Auf der Hauptstrasse war kaum ein Lebenszeichen. Ich suchte links und rechts nach Hinweisen, die mein eingeschlafenes Gedächtnis hätten wecken können. Einmal durchs Dorf, dann zurück und auf einigen Querstrassen. Nichts. Dieses Dorf war mir wie ein unbeschriebenes Blatt. Es war wie, wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben hier durchgefahren wäre. Ich war ein bisschen enttäuscht. Ein Stück meiner Vergangenheit war definitiv vorbei. Was blieb dann aus diesem Besuch? Einige Gedanken möchte ich jetzt mit euch teilen.
 
Manchmal würde ich mir wünschen, "Malleray" zu heissen (mindestens in bezug auf einzelne Aspekte meiner Vergangenheit). Andere Menschen würden mir neu begegnen: Ihre Erinnerung an unangenehme oder peinliche Ereignisse, die meine Beziehungen zu ihnen trüben - einfach weg! Ihre Erinnerung an meine Sünden gegen sie - einfach weg! Auf eine Art könnte ich mich freier bewegen, wenn ich "Malleray" hiesse.
 
Wäre es aber wirklich eine Hilfe, wenn andere Menschen einzelne Teile der Vergangenheit einfach vergessen würden? Nicht unbedingt. Diese Vergesslichkeit könnte sich als Trug erweisen. Sie könnte uns davon abhalten, unsere Beziehungsprobleme aufzuarbeiten, um Vergebung zu bitten und zu vergeben. Die Vergesslichkeit anderer Menschen könnten wir sowieso nur annehmen, wenn wir auch wüssten, dass sie uns nichts mehr vorzuhalten haben.
 
Die schönste Vergesslichkeit, die es gibt, finden wir in der Bibel: "«Dies ist der Bund, den ich für sie errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr, ich werde meine Gesetze in ihre Herzen geben und sie auch in ihren Sinn schreiben»; und: «Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nicht mehr gedenken.»"
(Hebr. 10,16-17)

 
Gott verheisst uns, dass er unserer Sünden und unserer Gesetzlosigkeiten nicht mehr gedenken wird. Hier geht es nicht um Vergesslichkeit aus Gedächtnisschwäche. Gott vergisst unsere Fehler, weil er sich nicht mehr an sie erinnern will. Diese Entscheidung ist nicht willkürlich. Sie gründet sich im Bund, den Gott im Blut Jesu besiegelt hat. Es ist reine Gnade, dass wir an diesem Bund Anteil haben dürfen. Wer am Bund Anteil hat, hat auch Anteil an der "Vergesslichkeit" Gottes. Als wir uns taufen liessen, sind wir zu diesem Bund mit Gott beigetreten.
 
Gott behält unsere Sünden nicht als "Druckmittel" gegen uns. Weil seine Gesetze in unserem Herzen und in unserem Sinn geschrieben sind, kann er unsere Sünden aus seinem Gedächtnis löschen, ohne befürchten zu müssen, dass wir seine Autorität verwerfen werden. Bei unserer Bekehrung haben wir uns entschieden Jesu nachzufolgen und haben mit unserer sündhaften Vergangenheit Schluss gemacht. Gott vergibt und vergisst, weil wir in eine neue Beziehung zu ihm getreten sind, als seine gehorsamen Kinder.
 
Gott vergibt und vergisst unsere Fehler nicht nur einmal, wenn wir uns bekehren. Er tut es immer wieder: "Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, reinigt uns von jeder Sünde." (1. Joh. 1,7)
 
Es fällt uns oft schwer zu glauben, dass Gott wirklich vergibt und vergisst. Wie kann er vergessen, wenn mein Gewissen sich noch an meine Sünde erinnert? Wenn dein Gewissen über solche Dinge nicht schweigen kann, so ist es an der Zeit, ein ernstes Wort mit deinem Gewissen zu reden: "...wieviel mehr wird das Blut des Christus, der sich selbst durch den ewigen Geist <als Opfer> ohne Fehler Gott dargebracht hat, euer Gewissen reinigen von toten Werken, damit ihr dem lebendigen Gott dient!" (Hebr. 9,14) Das Blut Jesu hat Kraft, das Gewissen zu reinigen. Gott will, dass wir für seinen Dienst frei werden. Wenn das Gewissen uns immer wieder anklagt, sind wir nicht frei. Das Gewissen lässt sich zwar nicht bestechen und ändert sich auch nicht von einem Tag zum anderen. Doch soll gerade unser Gewissen erkennen, dass das Opfer Jesu sogar die äussersten Winkel des Gewissens reinigt.
 
Bin ich denn jeden Tag für Gott ein "Malleray", d.h. ein unbeschriebenes Blatt? Ja, und noch viel mehr! Gott erinnert sich nicht an meine Sünden und Gesetzlosigkeiten, aber das ist nur die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite beschenkt er mich mit der Heiligkeit und der Gerechtigkeit Jesu. Für Gott sind wir nicht ein unbedeutendes "Malleray" (trotz aller Achtung für dieses Dorf), sondern die heilige Wohnung, die er sich für sich selber aussersehen hat: "Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt ?"
(1. Kor. 3,16)

 
 
Olivier Cuendet
 

 


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