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Von innen nach aussen
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Als ich ein Kind war, war ich überzeugt, dass gedruckte Sachen wahr sind. Woher ich diese Überzeugung hatte, weiss ich nicht. Aber ich erinnere mich, dass eine Welt zusammenbrach, als ich in der Schule erfuhr, dass die gedruckte Form keine Garantie für die Richtigkeit einer Botschaft sei.
 
Bestimmt macht jeder Mensch früher oder später die manchmal schmerzhafte Erfahrung, dass eine makellose äusserliche Form keine Garantie für den Inhalt darstellt. Die Diagnose des Arztes im
weissen Kittel muss nicht unbedingt stimmig sein. Die Auskunft des Polizisten in Uniform muss nicht unbedingt richtig sein. Mich hat auch die Tatsache getroffen, dass die Predigt eines Pfarrers in schwarzer Robe nicht unbedingt biblisch fundiert sein muss.
 
Solche Feststellungen sind nicht neu. Schon vor 2000 Jahren traf Jesus auf religiöse Führungs-persönlichkeiten, die eine ausserordentlich gepflegte äussere Hülle hatten, aber drinnen nur wenig oder gar keine Substanz. Als Sohn Gottes war Jesus in der Lage, in die Herzen dieser Menschen zu schauen. Er stellte fest, dass sie eine Maske trugen und ein religiöses Schauspiel trieben. Jesus sprach Klartext: "Wehe euch, Schriftgelehrte und Pharisäer, Heuchler! Denn ihr reinigt das Äussere des Bechers und der Schüssel, inwendig aber sind sie voller Raub und Unenthaltsamkeit. Blinder Pharisäer! Reinige zuerst das Inwendige des Bechers, damit auch sein Auswendiges rein werde." (Mt. 23,25-26)
 
Jesus bedient sich des Bildes eines Bechers und einer Schüssel. Was sind die Eigenschaften dieser Gefässe?
 
  • Erstens haben ein Becher und eine Schüssel eine äussere und eine innere Seite. Die erste ist allen Menschen sichtbar, die zweite bleibt für Aussenstehende versteckt.
     
  • Zweitens können ein Becher und eine Schüssel irgend einen Inhalt fassen. Der Inhalt gehört logischerweise zur inneren Seite und ist somit Aussen-stehenden versteckt.
     
  • Drittens kann der Inhalt eines Bechers oder einer Schüssel unrein sein und, entsprechend, das Gefäss unrein machen. Logischerweise wird die innere Seite mehr als die äussere betroffen. Man kann aber den Becher oder die Schüssel reinigen (inwendig und/oder auswendig).

Jesus vergleicht Menschen mit Bechern und Schüsseln. Dieser Vergleich ist besonders klar in einer Parallelstelle im Lukas-evangelium: "Nun, ihr Pharisäer, ihr reinigt das Äussere des Bechers und der Schüssel, euer Inneres aber ist voller Raub und Bosheit." (Lk. 11,39)
 
Jesus warf den Pharisäern vor, dass sie hauptsächlich oder sogar allein eine äussere Form der Religiosität ausübten. Wir finden mehrere Beispiele in der Schrift: "Alle ihre Werke aber tun sie, um sich von den Menschen sehen zu lassen..." (Mt. 23,5) oder "Wenn du nun Almosen gibst, sollst du nicht vor dir her posaunen lassen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Menschen geehrt werden." (Mt. 6,2)
 
Durch ihre makellose äussere Erscheinung ernten diese religiösen Führer Anerkennung und Ehre vom Volk. Von aussen gesehen erbrachten sie eine glänzende religiöse Leistung. An sich wäre nichts Falsches an einem sauberen Äusseren. Bei diesen religiösen Führern blieb es leider bei diesen Äusserlichkeiten.
 
Jesus, der die Herzen der Menschen kennt, offenbart das Inwendige, das Versteckte des Menschen. Dies wird nicht überall geschätzt. Wer sich um ein tadelloses Äusseres bemüht, hasst es, wenn der innere Schmutz aufgedeckt wird: "Denn jeder, der Arges tut, hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht blossgestellt werden" (Jh. 3,20)
 
Nicht nur offenbarte Jesus ein paar schmutzige Flecken bei diesen religiösen Führern. Er fand, dass ihr ganzes Inneres voller Raub, Unenthaltsamkeit und Bosheit war. Jesus meinte es ernst mit ihnen. Es ging nicht nur um ein paar kosmetische Korrekturen. Der Eingang ins Reich der Himmel war ihnen versperrt, falls sie ihre Haltung nicht grundlegend änderten: "Denn ich [Jesus] sage euch: Wenn nicht eure Gerechtigkeit die der Schriftgelehrten und Pharisäer weit übertrifft, so werdet ihr keinesfalls in das Reich der Himmel hineinkommen." (Mt. 5,20)
 
Um auf das Bild eines Bechers oder einer Schüssel zurückzukommen, warf Jesus diesen Menschen vor, dass sie als Gefässe unbrauchbar waren. Niemand, der das Inwendige sehen würde, würde aus solchen Bechern und Schüsseln trinken oder essen. Für Gott sind diese Gefässe unbrauchbar; sie verfehlen ihren Zweck. Ist deswegen alles verloren? Nein. Eine Lösung gibt es: die Reinigung. Es handelt sich nicht um eine schöne oder angenehme Arbeit. Im Gegenteil, man macht sich selber schmutzig dabei.
 
Diese Reinigung der versteckten Seite des Menschen, des Herzens, kann niemand anders als Jesus vornehmen. Jeder Christ erkennt es und macht von diesem Angebot der Reinigung Gebrauch, wie Paulus den Christen in Korinth schrieb: "...aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt worden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unsres Gottes." (1. Kor. 6,11)
 
Wir Christen waren vor unserer Bekehrung innerlich nicht sauberer als diese Pharisäer (und äusserlich bestimmt viel schmutziger!). Auch wir füllten die Becher und Schüsseln unseres inwendigen Menschen mit allerlei Unreinheiten. Aber Gott reinigte uns im Wasser der Taufe. Jetzt noch sind wir nicht gegen den Schmutz der Sünde gefeit. Nur wissen wir, dass wir bei Gott die Vergebung der Sünden finden, wenn wir unsere Sünden bekennen (1. Joh. 1,9).
 
Eines müssen wir uns immer wieder merken: Die Reinigung geht von innen nach aussen. Zuerst das Innere und dann das Äussere. Wenn ich es anders probiere, wird es ein Unterfangen von Menschen bleiben, zur Heuchelei verurteilt...
 
 
Olivier Cuendet
 

 


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