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Zurück zum Kreuz
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Jedes Jahr im September findet die traditionsreiche Männerfreizeit der deutschsprachigen Gemeinden statt. Bei Kaffee und Kuchen um 15 Uhr kann man sich mit bewährten Lehrern über Bibelauslegung unterhalten. Oder vielleicht an einem milden und klaren Tag lässt man sich eher für einen Spaziergang zum Pferdskopf (34m hoher Aussichtsturm) erwärmen. Von dort oben kann man den Blick über die hügelige, bewaldete, wenig bewohnte Landschaft des Taunus schweifen lassen. Der Spaziergang eignet sich besonders gut zum individuellen Gespräch über die Belange der Ortsgemeinde. Ein Abstecher zum beliebtesten Tea-Room der Gegend, in Treisberg, lässt sich auf dem Weg bestens einrichten. Hier findet der heitere Teil des Nachmittags statt: Wiener gegen Schweizer, Bayern gegen Norddeutsche. Alle lachen über die kulturellen Eigentümlichkeiten des Bruders. Und dann wird vielleicht noch ein Treffen eingerichtet. Schwere, alte, belastende Sorgen werden in einem Aufenthaltsraum ausgeschüttet. Die Augen werden nass, die Stimmen zittern. Grenzen und Mauern werden einem wieder bewusst. Am Esstisch fassen aber die meisten wieder neuen Mut: Ein Bruder erzählt mit Begeisterung von seiner Bekehrung. Einige schliessen den Tag mit einem Bier in der verrauchten Cafeteria ab. Das Singen hätte ich beinahe vergessen. Kräftige Männerstimmen. Neue Melodien. Atemübungen. Es stärkt die Seele. In einem anderen Register melden sich viele Zimmernachbarn mitten in der Nacht mit einem sonoren Schnarchen. Auch dies gehört zur Ambiance der Männerfreizeit.
 
Zurück zum Kreuz. Dies war das Thema der Vorträge und Bibelstunden dieses Jahr. In acht Vorträgen und vier Bibelstunden ist der Galaterbrief unter die Haut der Teilnehmer gelangt. Die Lehrer haben ihr Bestes gegeben, ihre ganze Persönlichkeit in die Botschaften eingebracht. Viele Zeugnisse der Teilnehmer kamen dazu: Einer z.B. hat von seiner Vergangenheit als Alkoholiker gesprochen.
 
Der Galaterbrief zeigt uns, wie tief das Evangelium seine Wurzeln schlägt, weit in die Vergangenheit zurück, in die Verheissung Gottes an Abraham: "In dir werden gesegnet werden alle Nationen" (Gal. 3,8). Mehrere Jahrhunderte nach dieser Verheissung, genauer 430 Jahre (Gal. 3,17), hat Gott das Gesetz Moses dem Volk Israel durch Engel anordnen lassen (Gal. 3,19). Dieses Gesetz hatte wichtige Aufgaben: Erstens war es ein Zuchtmeister (Gal. 3,24), d.h. es führte die Menschen auf den richtigen Weg. Zweitens zeigte es den Menschen das Mass ihrer Sündhaftigkeit (Gal. 3,19). Das Gesetz Moses hebte aber die Verheissung an Abraham nicht auf. Menschen, die keine Juden sind und somit das Gesetz Moses nicht kennen, sind nicht ohne Gesetz. Für sie ist das Gewissen, das sie zur Haltung von moralischen Prinzipien anleitet, ein Gesetz (Röm. 2,14).
 
Kein Mensch schafft es, das Gesetz fehlerlos zu halten und somit gerecht vor Gott zu sein (Gal. 2,16). Wer nicht jedes einzelne Gebot des Gesetzes hält, ist unter einem Fluch (Gal. 3,10). Jesus Christus hat uns, die Gläubigen, von diesem Fluch losgekauft, indem er auf dem Kreuz selber an unserer Stelle zum Fluch geworden ist (Gal. 3,13). So können jetzt die Gläubigen die Verheissung Gottes an Abraham, den Heiligen Geist und mit ihm die Sohnschaft und das Erbe, in Jesus empfangen (Gal. 3,14). Als Christen sind wir nicht mehr unter dem Gesetz, sondern sind Söhne Gottes, weil wir Christus, den Sohn Gottes, in der Taufe angezogen haben (Gal. 3,25-27).
 
Das Gesetz Moses erlaubte den Juden nicht, Gemeinschaft mit den Heiden zu pflegen, d.h. es schaffte Feindschaft zwischen Juden und Heiden. Auch dieser Aspekt des Gesetzes ist aufgehoben worden für die, die sich zu Jesus bekehrt haben. In Antiochia sonderte sich Petrus von den Heidenchristen ab. Er tat es aus Furcht vor Irrlehrern, die von Jerusalem gekommen waren und verlangten, dass alle Christen das Gesetz Moses halten (Gal. 2,12). Petrus war verurteilt, d.h. in Sünde, wegen dieses Verhaltens, weil er das für die Christen abgeschaffene Gesetz wieder aufrichtete (Gal. 2,11.18). Paulus musste Petrus zurechtweisen, damit er von dieser Sünde Abstand nehme und die gottgewollte Einheit der Gemeinde nicht zunichte mache (Gal. 2,14ff).
 
Wie Petrus in Antiochia gehandelt hatte, handelten auch die Christen in Galatien: Sie waren daran, zurück zum Gesetz zu gehen. Sie wollten durch das Halten des Gesetzes gerechtfertigt werden, z.B. durch die Beschneidung, und wären somit aus der Gnade gefallen (Gal. 5,4). Paulus weist sie zurecht. Er erklärt ihnen die Bedeutung der Verheissung an Abraham, die Rolle des Gesetzes, das Erlösungswerk Christi, den Unterschied zwischen der Sklaverei des Gesetzes und der Freiheit des Evangeliums, das Leben im Geist, den Kampf gegen das Fleisch, die Frucht des Geistes.
 
Auch wir sollen uns vor einer Werkgerechtigkeit hüten. Unser Fleisch, d.h. was sich in uns gegen Gott auflehnt, wird nicht besser mit der Zeit. Kein Gesetz kann es bändigen. Nur in Christus wird das Fleisch besiegt. Nur in ihm sind wir gerecht. Wie ist es möglich? Die Antwort ist wunderbar: "und nicht mehr lebe ich, sondern Christus lebt in mir." (Gal. 2,20)
 
 
Olivier Cuendet
 

 


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