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| Er aber warf sein Gewand ab | |
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Ein Mantel ist heute kein besonderes Kleidungsstück
mehr. Viele Menschen besitzen sogar mehrere Mäntel: einen
Winter-, einen Regen- und auch einen Bademantel. Die jetzige Wohlstandsgesellschaft
ist aber eine Ausnahmeerscheinung in der Geschichte. Zu biblischen
Zeiten war der Mantel für den Armen sehr wichtig. Im warmen
Klima Palästinas, besonders am Meer, in Galiläa oder
im Jordantal, hatten viele Arme nur ihren Mantel als Wohnung.
Das Gesetz Moses verbot aus diesem Grund, dass jemand den Mantel
des Armen als Pfand über Nacht nimmt: "Falls du wirklich
den Mantel deines Nächsten zum Pfand nimmst, sollst du ihm
diesen zurückgeben, ehe die Sonne untergeht; denn er ist
seine einzige Decke, seine Umhüllung für seine Haut.
Worin soll er <sonst> liegen? Wenn er dann zu mir schreit,
wird es geschehen, daß ich ihn erhören werde, denn
ich bin gnädig." (2. Mose 22,25-26).
Einige Wochen oder wenige Monate vor seiner Kreuzigung ging Jesus mit seinen Jüngern durch Jericho: "Und sie kommen nach Jericho. Und als er und seine Jünger und eine grosse Volksmenge aus Jericho hinausgingen, sass der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler, am Weg. Und als er hörte, dass es Jesus, der Nazarener, sei, fing er an zu schreien und zu sagen: Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner! Und viele bedrohten ihn, dass er schweigen sollte; er aber schrie um so mehr: Sohn Davids, erbarme dich meiner! Und Jesus blieb stehen und sagte: Ruft ihn! Und sie rufen den Blinden und sagen zu ihm: Sei guten Mutes! Steh auf, er ruft dich! Er aber warf sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Jesus. Und Jesus antwortete ihm und sprach: Was willst du, dass ich dir tun soll ? Der Blinde aber sprach zu ihm: Rabbuni, dass ich sehend werde. Und Jesus sprach zu ihm: Geh hin, dein Glaube hat dich geheilt! Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm auf dem Weg nach." (Mk. 10,46-52) Dieser Bartimäus war ein Bettler. Als Blinder konnte er seinen Lebensunterhalt nicht verdienen. Er sass an diesem Tag am Ausgang von Jericho. Das Wetter war kühl; es war bestimmt Winter (In den anderen Jahreszeiten müsste er seinen Mantel nicht tragen). Seine Lage war aussichtslos. Bartimäus hat Jesus nicht erwartet. Er hat aber gehört, dass das Dorf in Bewegung kommt. Jemand konnte es ihm sagen: "Jesus kommt!". Jesus war bekannt. Er hatte schon ca. drei Jahre vorher seine öffentliche Wirksamkeit begonnen. Auch Bartimäus der Bettler hatte von ihm gehört, von seinen Wundern, von seiner Belehrung, von seiner Barmherzigkeit. "Wenn ich nur zu diesen Geheilten gehören dürfte " träumte Bartimäus. Er möchte so sehr sehen können und da kommt der, der ihm das Augenlicht schenken kann. Das Geräusch der Volksmenge kommt näher. Jesus ist unter ihnen. Bartimäus ist nicht mehr zu bändigen. Monate lang hat er einen Traum gehegt. Jetzt ist der Moment da. Wenn er sich nicht bemerkbar macht, wird Jesus vielleicht für immer an ihm vorbeigehen. Er schreit "Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!" Plötzlich ist es soweit. Jesus lässt ihn rufen. Bartimäus spürt nichts mehr von der Kälte des Tages. Dieser Mantel, sein ganzer Besitz, ist zum Hindernis geworden. Er wirft ihn ab und springt auf, um schneller bei Jesus zu sein. Jesus erwartet ihn! Jemand wird ihm schon zeigen, wohin er gehen muss. "Was willst du, dass ich dir tun soll?" Wie wohltuend waren diese Worte in den Ohren des Bartimäus. Wie oft hatte ihn jemand nach seinen Wünschen gefragt? Jesus nimmt ihn ernst. Jüdische Schulen haben in späterer Zeit drei Stufen der Ehrerbietung unterschieden: Rab, Rabbi und Rabbuni. Bartimäus will seine höchste Ehrerbietung zum Ausdruck bringen: "Rabbuni, das ich sehend werde." Jesus heilt ihn, aber vorher noch lobt er den Glauben des Bartimäus. Bartimäus hat einen echten Glauben:
Hat Bartimäus seinen Mantel wieder bekommen? Die Schrift sagt es nicht. Bartimäus war aber bereit, ihn zu verlassen. Er hat sich von nichts zurückhalten lassen und sich mit "freien Händen" in die Nachfolge Jesu begeben. Im selben Kapitel des Markusevangeliums wird uns die Begegnung Jesu mit einer anderen Person berichtet: "Und als er auf den Weg hinausging, lief einer herbei, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: Guter Lehrer, was soll ich tun, damit ich ewiges Leben erbe?" (Mk. 10,17) Nach einem kurzen Gespräch kam Jesus zum Wesen der Nachfolge: "Jesus aber blickte ihn an, gewann ihn lieb und sprach zu ihm: Eins fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib <den Erlös> den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach! Er aber ging, entsetzt über das Wort, traurig weg, denn er hatte viele Güter." (Mk. 10,21-22). Die Schrift sagt nicht, ob dieser Mann sich zu diesem Schritt durchringen konnte. Der arme Bartimäus war aber sofort bereit seinen Besitz zu verlassen. Was für ein grosser Glaube! Auch wir Christen haben bei unserer Bekehrung Mäntel hinter uns gelassen. Einige sind uns vielleicht zurückgebracht worden. Andere hat aber Gott für immer von uns weggenommen. Trauern wir ihnen nach? Lasst uns lieber an Bartimäus denken. In seiner Freude bei der Nachfolge war ihm sein Mantel nicht mehr wichtig. Ein neuer Lebensabschnitt mit ganz neuen Aussichten hat begonnen! Olivier Cuendet |