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Die Mutter Rahab
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Vor mehr als 3'400 Jahren, da lebte in einer Stadt, genannt Jericho, ein Ehepaar. Wir wissen eigentlich sehr wenig von jenem Ehepaar, nicht einmal ihre Namen sind uns bekannt. Doch dieses Ehepaar hatte Söhne und Töchter und eine dieser Töchter ist richtig berühmt geworden: Ihr Name war Rahab.
 
Rahab wohnte damals in einem Haus direkt an der Stadtmauer. Sie war bekannt in der Stadt und dies aus einem ganz bestimmten Grund: Rahab war eine Dirne.
 
Mehr ist uns von Rahab nicht überliefert, mindestens nicht bis zu jenem Tag, als zwei Fremde nach Jericho kamen. Die zwei Männer kamen nämlich zum Haus von Rahab und fragten, ob sie hier übernachten könnten, denn es war schon Abend. Rahab kannte die Männer nicht, doch willigte sie ein. Kurze Zeit später sollte sie auch erfahren, woher die Fremden waren: es waren israelitische Kundschafter, denn Soldaten des Königs von Jericho klopften an ihre Türe und riefen: "Gib die Männer heraus, die zu dir gekommen und in dein Haus eingekehrt sind! Denn um das ganze Land zu erkunden, sind sie gekommen." Schnell versteckte Rahab die beiden Männer auf dem Dach, öffnete dann den Soldaten und sagte: "Ja, die Männer sind zu mir gekommen, aber ich habe nicht erkannt, woher sie waren. Als nun das Tor bei Einbruch der Dunkelheit geschlossen werden sollte, da gingen die Männer wieder hinaus; ich weiss nicht wohin. Jagt ihnen eilends nach, dann werdet ihr sie einholen!" So überlistete Rahab die Soldaten des Königs.
 
Später stieg Rahab zu den Kundschaftern aufs Dach und erzählte, was sie schon alles vom Volk Israel gehört hatte, so zum Beispiel wie Gott sie durchs Schilfmeer führte, oder wie sie die Könige der Amoriter, Sihon und Og und ihre ganzen Kriegsheere schlugen. Rahab hatte keinen Zweifel daran: Der Herr hat den Israeliten das Land gegeben und bald werden sie kommen und auch Jericho erobern. Die ganze Stadt hatte Angst.
 
Da sprach Rahab zu den Kundschaftern: "So schwört mir nun beim Herrn, weil ich Gnade an euch erwiesen habe, dass auch ihr an meines Vaters Haus Gnade erweisen werdet! Und gebt mir ein zuverlässiges Zeichen, dass ihr meinen Vater und meine Mutter und meine Brüder und meine Schwestern samt allem, was zu ihnen gehört, am Leben lassen und unsere Seelen vom Tod erretten werdet!" Die beiden Männer bürgten mit ihrem eigenen Leben. Danach liess sie Rahab an einem Seil durch das Fenster auf der Seite der Stadtmauer hinunter und erklärte ihnen, wie sie am besten unentdeckt ins Lager zurückkämen.
 
Bevor die Kundschafter fortgingen, machten sie noch ein Zeichen ab: "Siehe, wenn wir in das Land kommen, musst du diese rote Schnur in das Fenster binden, durch das du uns heruntergelassen hast, und musst alle deine Verwandten zu dir ins Haus versammeln. Wer nach draussen geht, wird getötet werden."
 
Rahab befolgte genau die Anweisungen der beiden Männer und so wurde sie und ihre Verwandten als einzige vom Tod bewahrt, als Gott die Mauern Jerichos einstürzen liess und die Israeliten die Stadt einnahmen und verbrannten.
 
In Josua 6,25 heisst es dann: "So liess Josua die Dirne Rahab und das Haus ihres Vaters sowie alles, was zu ihr gehörte, am Leben. Und sie wohnte mitten in Israel bis zum heutigen Tag, weil sie die Boten versteckte, die Josua gesandt hatte, um Jericho auszukundschaften."
 
So ist also Rahab in die Geschichte eingegangen und ihr Name steht für Glauben und Mut. Doch da ist noch ein anderer Begriff, der sich mit dem Namen Rahab verbindet: Rahab, die Dirne. Auch Jakobus und der Hebräer-Schreiber reden im Neuen Testament von der Dirne Rahab, wenn sie ihren Glauben hervorheben (Jak. 2,25; Hebr. 11,31), denn beide schreiben ja von der Zeit in Jericho, wo Rahab als Dirne bekannt war. Matthäus jedoch lässt die Bezeichnung Dirne weg (Mat. 1,5) und erwähnt etwas aus dem weiteren Leben dieser Frau. Sie heiratete nämlich später den Salmon und hatte auch einen Sohn namens Boas, der bekannt ist aus der Geschichte mit Rut. Matthäus stellt uns also eine ganz neue Rahab vor, eine Rahab, die durch ihren Glauben einen Neuanfang machte: Nicht mehr die Dirne Rahab, sondern die Mutter Rahab, die Mutter von Boas.
 
 
Hansueli Nebiker