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Ein vielsagendes Schweigen
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„Niemals hat ein Mensch so geredet wie dieser Mensch.„ (Joh. 7,46). So beurteilten die Knechte der Pharisäer und der Hohenpriester Jesus. Nicht nur redete Jesus wie kein anderer Mensch, er wusste auch wie kein anderer Mensch das Schweigen einzusetzen. Ein Beispiel aus dem Johannesevangelium macht es uns deutlich.
 
„Frühmorgens aber kam er wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm; und er setzte sich und lehrte sie.„ (Joh. 8,2). Wir finden Jesus im Tempel sitzen. Viele Menschen sind aufmerksam und lassen sich vom Lehrer, wie sich Jesus selber auch nannte, unterrichten. Diese schöne Ordnung wird auf einmal zerstört. Eine Gruppe von aufgeregten Menschen bricht in den Kreis herein: „Die Schriftgelehrten und die Pharisäer aber bringen eine Frau, die beim Ehebruch ergriffen worden war, und stellen sie in die Mitte und sagen zu ihm: Lehrer, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. In dem Gesetz aber hat uns Mose geboten, solche zu steinigen. Du nun, was sagst du?„ (Joh. 8,3-5). Jesus kann mit seiner Belehrung unmöglich weiterfahren. Mit Nachdruck und Dringlichkeit verlangen die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Antwort, noch mehr, ein Urteil, von ihm.
 
Diese Männer, die hereingeplatzt sind, verfolgen unlautere Absichten: „Dies aber sagten sie, ihn zu versuchen, damit sie etwas hätten, um ihn anzuklagen.„ (Joh. 8,6a). Jesus könnte einfach gehen und so dieser ungemütlichen Situation ausweichen. Das tut er aber nicht. Er steht auf und... wird reden, meinen sie. Nein, er sagt kein Wort: „Jesus aber bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde.„ (Joh. 8,6b).
 
Für wen schreibt Jesus? Eine Frau steht vor ihm. Sie wartet auf ein Urteil. An was denkt sie? Weiss sie überhaupt, wer Jesus ist? Das Volk blickt voll Spannung auf Jesus. Wie wird er die Schuld dieser Frau beurteilen und das Gesetz Moses auslegen? Seine Jünger sind auch da. Sie sehen ihren Meister in den Krallen der Schriftgelehrten und der Pharisäer. Wird er sich befreien können? Auch die Schriftgelehrten und die Pharisäer machen sich Gedanken. Sie meinen, dass sie kurz vor einem grossen Sieg über Jesus stehen. Jetzt wird er ihnen Recht geben müssen: Diese Frau ist des Todes. Es geht ihnen nicht einmal um sie und ihre Sünde. Ob ein Urteil je ausgeführt würde, ist ihnen egal. Sie wünschen sich nur einen Sieg gegen Jesus. Jesus schweigt... Er lenkt die Aufmerksamkeit aller auf sich. Dabei befreit er die Ehebrecherin vom Hass ihrer Ankläger. Sie kann wieder zu sich kommen.
 
„Als sie aber fortfuhren, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. Und wieder bückte er sich nieder und schrieb auf die Erde.„ (Joh. 8,7-8). Was dachten sie alle, als er sich aufrichtete. Sie hingen an seinen Lippen. Ein Wort ist gefallen; ein einziger Satz. Jesus schweigt wieder...
 
Im Kreis der Zuhörer ist es still geworden. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben eine Antwort bekommen. Das Volk richtet die Blicke auf sie. In dieser Stille scheint jede Minute eine Ewigkeit zu dauern. „Als sie aber <dies> hörten, gingen sie einer nach dem anderen hinaus, angefangen von den Älteren; und er wurde allein gelassen mit der Frau, die in der Mitte stand.„ (Joh. 8,9). Die Schriftgelehrten und die Pharisäer haben die Schlacht verloren. Sie verlassen das Feld ohne Worte und dabei legen sie gerade ein lautes Bekenntnis vor dem Volk ab: „Wir sind Sünder vor Gott„. Ihre Rotte ist zerschlagen; jeder geht für sich allein, ohne ein Wort mit seinem Nachbarn auszutauschen. In der Sünde ist jeder Mensch allein vor Gott.
 
Ist es dem Volk und den Jüngern langweilig geworden? Vielleicht haben sie begonnen, unter sich zu flüstern und sind dann allmählich gegangen. Die Ehebrecherin kann nicht gehen. Sie wartet auf ein Urteil. Ihre Ankläger haben sich zwar als kraftlos entpuppt, aber dies ist ihr kein Trost, ihre Sünde bleibt. Sie steht jetzt allein vor ihrem Richter. „Mein Leben liegt völlig in seinen Händen„ denkt sie. Ja, wenn sie nur wüsste, wie wahr es ist! „Jesus aber richtete sich auf und sprach zu ihr: Frau, wo sind sie? Hat niemand dich verurteilt? Sie aber sprach: Niemand, Herr. Jesus aber sprach zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh hin und sündige von jetzt an nicht mehr!„ (Joh. 8,10-11). Jesus spricht zu ihr voll Autorität. Er ist der Herr!
 
Jesus hat diese Frau ohne Verurteilung freigelassen und hat ihr eine neue Verantwortung aufgetragen: Sie soll ab jetzt von der Sünde Abstand nehmen. Von allen Anwesenden hat sie an diesem Tag am meisten gelernt: Sie hat die Gnade Jesu erfahren. Etwas konnte sie damals noch nicht wissen. Jesus wusste es aber und wir heute auch: die Gnade hat einen teuren Preis; „denn ihr wisst, dass ihr nicht mit vergänglichen Dingen, mit Silber oder Gold, erlöst worden seid von eurem eitlen, von den Vätern überlieferten Wandel, sondern mit dem kostbaren Blut Christi als eines Lammes ohne Fehler und ohne Flecken. Er ist zwar im voraus vor Grundlegung der Welt erkannt, aber am Ende der Zeiten geoffenbart worden um euretwillen.„ (1. Petr. 1,18-20).
 
An was dachte Jesus, als er auf den Boden schrieb? Dachte er etwa an sein Opfer am Kreuz? Er wusste, dass sein Weg zum Kreuz führte. Er war entschlossen, sein Leben auch für diese Frau hinzugeben. Wenn sie verstanden hätte, dass Jesus sie so liebte, trotz ihrer Sünde, wäre sie bestimmt in Tränen ausgebrochen. Ist sie später zu einer Christin geworden? Gott weiss es.
 
Jesus hat das Leben dieser Frau mit wenigen Worten und viel Schweigen verändert. Wissen wir auch im richtigen Moment zu schweigen?
 
 
Olivier Cuendet