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| Der Skandal des Kreuzes | |
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Aus eigener Erfahrung in den Synagogen und auf dem
Marktplatz redete Paulus, als er schrieb: "Juden fordern
Zeichen und Griechen suchen Weisheit, wir aber predigen Christus
als gekreuzigt, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine
Torheit" (1Kor 1,22).
"Ärgernis" ist eine Übersetzung des griechischen Begriffs "skandalos", wovon unser deutscher Begriff "Skandal" kommt. "Skandal" beschreibt treffend, wie die Juden und Heiden der Antike das Kreuz empfanden. Aber auch bei unserer heutigen, von Relativismus durchdrungenen westlichen Kultur, ist es nicht anders. Um den Skandal des Kreuzes in der antiken Welt zu verstehen, müssen wir die Schande, die damit verbunden war, begreifen. Wir heutigen Christen denken eher an die physischen Schmerzen, als an die Schande einer Kreuzigung. Interessanterweise sagen die neutestamentlichen Schreiber fast nichts über die Schmerzen des Kreuzes. Wenn der Hebräerschreiber die Kreuzigung erwähnt, sagt er über Jesus: "er hat das Kreuz erduldet und die Schande nicht geachtet." (Heb. 12,2). Wärest Du der Hebräerschreiber, hättest Du die Schande oder die Schmerzen betont? Vielleicht in einer Welt ohne Anästhesie, Betäubungs- und Schmerzmittel waren die Menschen damals mehr an körperliches Leiden und qualvollen Tod gewöhnt als wir heute. Wahrscheinlich hat man Schmerzen als ein zum Leben gehörendes notwendiges Übel akzeptiert - etwas Normales, was jeder mehr oder weniger erfahren musste. Schande jedoch war etwas Schlimmes, das vermieden werden konnte. Nur die allerschlimmsten Verbrecher hatten den Kreuzestod verdient, und auch dann lediglich Sklaven, Kriegsgefangene und andere sogenannte "rechtlose Nicht-Personen". Niemand würde andere von einem Verwandten, der am Kreuz starb, etwas erfahren lassen. Das älteste, uns bekannte Bild von der Kreuzigung Jesu ist ein Graffiti aus dem zweiten Jahrhundert. Diese Karikatur zeigt einen menschlichen Körper mit dem Kopf eines Esels an einem Kreuz hängen. Links davon steht ein Mensch mit aufgestrecktem Arm. Der Untertitel lautet: " Alexaminos betet Gott an." Nur wer sagen konnte: "Mir ist die Welt gekreuzigt und ich der Welt" (Gal 6,14) konnte sich eines Gottes rühmen, der sich auf eine derart beschämende Weise von Menschen demütigen und exekutieren liess. Diese Schande anzunehmen war beinahe zu viel für manche Christen damals. Der Hebräerschreiber musste seine Leser ermutigen: "deshalb lasst uns zu ihm hinausgehen, ausserhalb des Lagers, und seine Schmach tragen!" (Heb 13,13). Ist das Kreuz heute für uns eine Schande? Sicherlich nicht in der Gemeinde, wo das Kreuz das Kernstück unserer Gemeinschaft bildet, aber ausserhalb der Versammlung wird das Kreuz uns in Verlegenheit bringen, wenn wir uns an unsere Umgebung anpassen wollen. Unsere multikulturelle Gesellschaft, wie auch die des damaligen römischen Reiches, verlangt die Akzeptanz aller Religionen. Mehr und mehr setzt sich die Meinung durch, dass alle Religionen gültige Wege zu Gott bieten. Für viele ist die Ausschliesslichkeit des christlichen Glaubens und die Unabdingbarkeit des Kreuzestodes Christi ein Skandal. Wenn Petrus von Jesus sprach, sagte er: "Und es ist in keinem anderen das Heil; denn auch kein anderer Name unter dem Himmel ist den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden müssen." (Apg 4,12). In einer Welt, in der das Einzige, wessen sich die Menschen sicher sind, ist, dass nichts absolut sicher ist, wirken Petrus' Worte krass, intolerant und inakzeptabel - ein Skandal! Wenn wir nicht gegenüber diesen Gedanken der Welt gekreuzigt sind, wird das Kreuz Jesu für uns eine Quelle der Verlegenheit sein und wir werden unserem evangelistischen Auftrag, "alle Nationen zu Jüngern zu machen" (Mat 28,19) unmöglich nachkommen. Genau wie die griechischen Philosophen vor 2000 Jahren in Athen es lächerlich fanden, als Paulus bezeugte, dass Gott an einem römischen Kreuz starb, um die Welt zu retten, meinen viele heute noch, die sich selbst für mündige Denker halten, dass diese Botschaft eine Torheit ist - sogar sogenannte "christliche Denker"! Ich habe eine deutsche Theologin im Radio sagen hören: "Ich glaube nicht, dass wir überhaupt eine Theorie der Sühnung brauchen. Ich denke nicht, dass wir Menschen an Kreuzen, vergossenes Blut und solch unheimlichen märchenhaften Stoff brauchen!" Die Wirklichkeit ist, dass das Kreuz immer noch ein Skandal für viele ist. Wir müssen dies erkennen und uns nicht einschüchtern lassen vom kulturellen Druck, das Evangelium zu "entmythologisieren", um Christus und sein Kreuz salonfähiger zu machen. Wir sollten darauf gefasst sein, von anderen als "Narren um Christi willen" angesehen zu werden. (1Kor 4,10). Obwohl das Kreuz für viele Ärgernis und Torheit ist, ist es für uns "Gottes Kraft und Gottes Weisheit" (1Kor 1,24). Die Liebe Gottes, wie sie uns erwiesen wird im Kreuz, bewirkt was keine menschliche Kraft je erreichen konnte - Nächstenliebe, ja sogar Feindesliebe. Und Gottes Weisheit, sich mit uns durch das Kreuz zu versöhnen, stellt die menschliche Weisheit in den Schatten, die unfähig ist, Gott zu erkennen. Wenn wir dies verstehen und glauben, werden wir uns, statt die Schande des Kreuzes zu scheuen, uns vielmehr dessen rühmen. David Tarjan |